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Begebenheiten

Folgende Begebenheiten sind von Handschriften oder alten christlichen Zeitschriften entnommen, neu überarbeitet und sollen hier zur Erlösung der Seelen und Erhaltung im Glaube dienen. Von den meisten Begebenheiten sind uns leider die Verfasser unbekannt, darum wollen wir gerne jeden Hinweis auf den Autor entgegen nehmen.

Inhalt der Seite 3:

Die gute Schwester
Die gelben Rüben
Gott hilft
Du, Gott, siehst mich!

Die gute Schwester

In einem Dorfe lebte, fast ganz am Ende, in einem der letzten Häuser, eine Witwe. Diese Witwe hatte zwei Kinder, beides Mädchen, die Hedwig und Adelheit hießen. Die Mutter dieser Kinder, welche Frau Helling hieß, war arm; aber sie fühlte sich dennoch reich, weil sie fromm war und zwei so liebe Kinder hatte. Der Vater der Kinder war Lehrer gewesen. Nicht nur seine eigenen Kinder, sondern auch seine Schulkinder hatten ihn sehr lieb gehabt. Als er nun aber gestorben war, ernährte sich seine Frau von ihrer Handarbeit, denn sie konnte sehr schön nähen, stricken und häkeln.

Zweimal in der Woche kamen am Nachmittag alle Schulpflichtigen Mädchen des Dorfes zu Frau Helling um allerlei Handarbeit bei ihr zu lernen. Auch die siebenjährige Hedwig und die vierjährige Adelheit saßen schon mit dabei und bemühten sich, recht fleißig zu sein; die kleine Adele konnte sogar schon ein wenig stricken. Die Dorfkinder hatten Frau Helling sehr lieb, weil sie immer so sanft und freundlich zu ihnen war; sie nannten sie auch "Mutter Anna"; so hieß sie nämlich mit Vornamen.

Wenn der Frühling ins Land kam und die ersten Blumen Sträußchen Knospen bekamen, duftete es herrlich in dem einfachen, gepflegten Stübchen. Frau Helling sagte zu den Kindern, welche ihr die Sträuchern gebracht hatten: "Wie habt ihr mir, liebe Kinder, doch wieder so große Freude gemacht!" So verging die Zeit, und Mutter Anna und ihre Töchter liebten einander von Herzen sehr. Erhielt eines der Mädchen ein hübsches Bildchen, oder irgendein kleines Geschenk, so ruhte es nicht eher, bis es ihrem Schwesterchen auch davon gegeben hatte; jeden guten Bissen teilten sie miteinander. Niemals taten sie sich, wie so oft andere Geschwister einander, schlagen, stoßen oder beschimpfen. Da sie aber so verträgliche Kinder waren, hatten sie einen lieben, freundlichen Ausdruck in ihren Gesichtern und jedermann begegnete ihnen mit Wohlwollen.

Bisher waren Frau Helling und ihre Kindern meistens gesund geblieben; jedenfalls wurde noch keiner von ihnen schwer krank. Doch als die kleine Adelheit sechs Jahre alt war, erkrankte sie plötzlich stark. Sie hatte hohes Fieber, redete irre, und der Arzt gab ihrem zarten Leben wenig Hoffnung. Man konnte sich vorstellen, wie traurig die Mutter gewesen war; Tag und Nacht wich sie nicht mehr von dem Krankenbette. Hedwig weinte viel; kein Bissen schmeckte ihr mehr, denn sie hatte ihr herzliches Schwesterchen sehr lieb. Der Arzt, der soeben wieder da gewesen war, hatte gesagt, dass das Kind so schwach sei, dass es die Nacht wohl nicht mehr überleben werde. "Wenn es nach etwas verlangen sollte, so geben Sie es ihm nur!", sagte er beim Hinausgehen zu der tief betrübten Mutter. "Verschreiben kann ich dem Kinde nichts mehr." Als der Arzt gegangen war, sanken Mutter Anna und die neunjährige Hedwig neben dem Bettchen der kleinen Adelheit laut weinend auf die Knie, und beide meinten, das Herz müsse ihnen bald zerspringen vor lauter Kummer.

Die Dämmerung war schon längst angebrochen. Der Mond schien vom dunkelblauen Sternenhimmel in das Stübchen auf die zwei traurigen Menschen herab, die sich in leisem Gebet bewegten. Er schien auch auf das todkranke, fiebernde Kind in dem Bettchen. Da plötzlich richtete es sich auf und rief: "Ich verbrenne! Gebt mir doch Beeren, süße frische Erdbeeren!" "Erdbeeren willst du, mein armes krankes Kind?", fragte die Mutter, indem sie das Kind sachte auf die Kissen niederlegte. "Erdbeeren? Ja, die gibt es wohl draußen im Walde, aber niemand ist da, der sie holen könnte. Ich kann dich ja nicht verlassen, mein Kind!" "Mutter, Mutter," rief jetzt Hedwig, "lass mich gehen! Siehe, ich fürchte mich nicht. Der Mond scheint so hell, dass ich den Weg ganz gut erkennen kann, und den Platz finden werden, an dem die Erdbeeren wachsen!" "Aber Kind," sagte die Mutter bedenklich, "es ist Nacht und von hier aus fast eine halbe Stunde in den Wald. Auch bist du noch nie allein dort gewesen." "O Mutter, bitte, lass mich gehen; es geschieht mir ganz gewiss kein Leid!", flehte sie. "Nun, so gehe wenigstens hinüber zu Nachbar Bender, oder zu Valentins Lene; vielleicht wird dich jemand begleiten!", schlug die Mutter vor. "Erdbeeren, frische Erdbeeren!", ertönte wieder die matte Stimme der kleinen Adelheit. "Nein, liebe Mutter, bis sich jemand entschließt mit mir zu gehen, wird's vielleicht noch schlimmer mit dem Schwesterchen. Bitte, gib mir das Körbchen von der Wand und lass mich gehen." "Nun, denn so gehe in Gottes Namen!", sagte die Mutter, gab ihr das Körbchen und küsste sie zärtlich. Einen sanften Kuss drückte Hedwig auf die Stirn des kranken Schwesterleins und eilte zur Tür hinaus. Von der Wohnung der Frau Helling aus ging es noch an einigen Häusern vorbei; zuletzt an dem des alten Nachtwächters Hans´. Ab hier zog sich der Weg durch einen von Hügeln umsäumten Wiesengrund bis hin zu dem Wald, in dem Hedwig Erdbeeren holen wollte.

Soeben hatte der Nachtwächter, der "Wachthans" genannt wurde, seinen Spieß aus der Ecke und das Horn vom Sims geholt und trat seine Wanderung durch das Dorf an, um anzublasen, dass es zehn Uhr geschlagen hatte. Als er aus seinem Häuschen heraustrat, sah er Hedwig eilig vorüber gehen und den Wiesenpfad, der zum Walde führte, einschlagen. "Ei, ei, wo geht denn die Hedwig jetzt noch hin?" brummte Wachthans erstaunt in seinen weißen Bart hinein. Sie wird doch wohl nicht Schlafwandeln? Ich kann dem Kind aber jetzt nicht nachlaufen, ehe ich mein Amt erfüllt habe!" Einen Augenblick noch schaute er dem Kinde nachdenklich hinterher, ehe er in das Dorf hineinging. Bald darauf ertönte sein dumpfes Horn zehnmal durch die stille Nacht. Mit lauter Stimme sang er folgenden Vers dazu: "Hört, was ich euch will sagen: Die Glocke hat zehn geschlagen. Bewahrt das Feuer und das Licht, dass dem Dorf kein Schaden geschieht und lobt Gott, den Herrn!" Während dies geschah, war Hedwig weiter und immer weiter gelaufen. Die Angst um das Schwesterlein, das sie sehr lieb hatte, trieb sie rasch vorwärts. Es war ihr fast, als hätte sie Flügel gleich den Nachtvögeln, die ihr hin und wieder über den Kopf flogen. Ihr Weg führte sie an einem kleinen, klaren Bächlein entlang, welches hell im silbernen Mondlicht glänzte. Fort und fort lief Hedwig, das Körbchen fest am Arme haltend und die Hände über dem warmen Tuch, welches die Mutter ihr noch sorglich umgebunden auf der Brust gefaltet hatte. Sie schaute nur immer vorwärts, ob sie den Wald nicht bald erreiche. In ihren Gedanken war es ihr, als höre sie die matte Stimme ihres Schwesterleins: "Gebt mir Erdbeeren, süße frische Erdbeeren!" Da liefen plötzlich vor dem Kinde Hasenohren über den Weg. Es erschrak wie aus einem Traum erwachend; ließ sich aber in seinem Lauf nicht aufhalten. Auf einmal sah es wenige Schritte weiter, vom Schatten der Nacht noch halb verhüllt, etwas gleich einem riesig großen Manne auf sich zukommen. Wenngleich das Kind etwas ängstlich wurde, so war es doch mutig genug, scharf auf die sonderbare Erscheinung zu blicken. "Es ist nichts, es ist nur ein großer alter Weidenbaum!", flüsterte sie dann und eilte weiter und weiter bis in den dichten Wald hinein. Hier konnte ihr der Mond eben noch so hell über die Wipfel der hohen Eichen hinein scheinen, dass sie ihren Pfad erkennen konnte. Alles war mäuschenstill ringsumher, nur der Nachtwind flüsterte durch die Äste

Da hielt Hedwig zum ersten Mal inne, seit sie vom Hause weggegangen war und blickte sich um. Fast wollte ihr das Herzchen beben, denn sie musste noch eine Strecke im Wald zurücklegen, ehe sie zu dem Platze kommen würde, an dem die gesuchten Erdbeeren in Fülle stünden. Alles, was sie je zuvor von verlassenen Kindern im Walde, von Bären, Wölfen oder bösen Menschen gehört hatte, kam ihr plötzlich in wirrem Durcheinander in den Sinn. Aber Hedwig war ein frommes Kind; nur wenige Augenblicke dauerte ihre Angst, dann kniete sie auf den weichen Waldboden nieder und betete still in ihrem Herzen eines ihrer schönen Gebetchen. Sie stand auf, ging weiter und hielt nicht eher an, bis sie an dem ersehnten Platze im Walde ankam. Dort standen die Bäume weniger dicht, und der Mondschein leuchtete hell auf die saftigen roten Erdbeeren, die hier in reicher Fülle wuchsen. Nun pflückte Hedwig mit großem Eifer und voller Freude Erdbeeren in ihr Körbchen, bis es fast zu voll war. "Ich kann Morgen wieder kommen und welche holen, wenn es ihr schmeckt!" sagte Hedwig vor sich hin und wollte eben aufstehen und heimgehen, da hörte sie ganz in ihrer Nähe ein Rauschen und ein Knistern. Dicht neben ihr sprang etwas aus dem Dickicht hervor. Vor Schreck warf sie sich platt auf die Erde nieder und hielt den Atem an. Meint ihr es sei ein grimmiger Bär gewesen, welcher das Kind erschreckte? O nein, es waren nur zwei schöne junge Rehlein, die ganz verwundert stehen blieben und das einsame Kind mit großen glänzenden Augen anschauten. Gewiss hatten sie noch nie so kleine Menschen mitten in der Nacht der Walde gesehen und wussten gar nicht, wie sie sein plötzliches Dasein erklären sollten. Hedwig hatte schon oft Rehe auf Bildern, aber noch nie zuvor Lebendige gesehen. Sie wusste aber, welch liebe harmlose Geschöpfe die Rehe sind. Sie erhob sich vom Boden, und all ihre Furcht war verschwunden, denn sie dachte in ihrem Herzen: Gott, der sie wohl behütet hierher geführt hat, wird sie auch gewiss wieder heim zu der lieben Mutter und dem kranken Schwesterlein geleiten. Hätte das Kind aber gewusst, dass man vor kurzer Zeit einen Wolf in der Tiefe des Waldes gesehen haben wollte, so wäre es vielleicht doch noch rascher gelaufen als jetzt, obgleich es sich genug beeilte.

Hans, der Nachtwächter, aber kannte das Gerücht über den Wolf. Als er seinen Gang durch das Dorf beendet hatte, klopfte er im Vorbeigehen an das Fenster der Frau Helling. "Was gibt es, Nachbar?", fragte sie indem sie das Fenster, um des kranken Kindes willen, behutsam öffnete. "Ist es mit eurem Einverständnis, dass eure Hedwig jetzt noch allein den Waldweg hingeht?" "Ja, Hans, es war die Todesangst um unser krankes Kind, die sie fort trieb. Erdbeeren will sie holen für unsere arme kleine Adelheit, die immer darnach ruft." "So, so, ei, ei, das Kind hat Mut!", sagte der Wachthans. "Macht euch keine Sorgen um Hedwig, Mutter Anna! Wer für so etwas fortgeht, kommt gewiss wieder gut heim. Nun recht gute Besserung und gute Nacht." Die bekümmerte Frau schloss das Fenster wieder zu und der Nachtwächter ging seines Weges, indem er murmelte: "Gut, dass die brave Frau nichts weiß von der Geschichte mit dem Wolf! Aber ich kenne sie. Ich komme schon, meine kleine Hedwig." Diesmal ging der Wachthans nicht wie sonst in sein Häuschen hinein, um sich eine Weile aufs Ohr zu legen, bis er wieder blasen musste. Nein, er wanderte eiligen Schrittes, ohne Spieß oder Horn abzulegen, denselben Weg hin, den vor einer Weile Hedwig gegangen war. "Mutiges Mädchen," dachte er, "so in der Nacht noch herum zu laufen! Dafür soll auch sie Hilfe bekommen." Er strengte seine alten Augen an, ob er nicht schon das Kind daher kommen sähe. Da tauchte endlich am Rande des Waldes ein flüchtiger Schatten auf; es konnte niemand anderes sein als Hedwig. "Aber sie läuft wie der Wind, und hinter ihr springt etwas her. Ist es ein Hund, ein Fuchs oder gar ... ?" Wachthans wagte es nicht auszudenken, dass es der Wolf sein könnte, von dem schon hier und da im Dorfe gemunkelt wurde. Aber er fing an aus Leibeskräften zu laufen; dabei blies er mächtig in sein Horn, dass es weithin fürchterlich ertönte. Den langen Spieß hielt er, zum Angriff bereit, fest in der rechten Hand. Doch er brauchte seine Waffe nicht mehr, denn der Wolf, er war es wirklich, ließ, als er den ungewohnten Klang der Horns hörte, von dem Kinde ab, zog den Schwanz ein und rannte wieder in den Wald zurück.

Bald hatte der brave Nachtwächter die atemlos daher eilende Hedwig eingeholt; schreckensbleich mit Tränen auf den Wangen, aber ihr Körbchen hoch empor haltend, lief sie auf ihn zu. "O, Wachthans", rief sie aus, "wie gut ist's doch, dass Ihr gekommen seid! Ich glaubte schon, dass das böse Tier mich einholen würde, aber Gott sein Dank, ich habe doch meine Erdbeeren noch!" Der alte Mann wischte sich die Augen, dann sagte er: "Ja, ich musste wohl kommen, Hedwig!" Ohne Umstände nahm er das Kind auf den Arm und sie traten den Rückweg an. "Weißt du", sagte er beim Gehen, "so geht's am besten, und du bist sicher. Jetzt wollen wir machen, dass wir heim kommen!" Das Kind war wieder ganz ruhig geworden und meinte, es könnte wohl selbst gehen, wenn es auch müde sei. Hieraus merkte der Wachthans, dass Hedwig nicht wusste, dass es ein Wolf gewesen war, der sie verfolgt hatte. Er sagte es ihr jetzt nicht, um sie nicht wieder zu beunruhigen . Vom Arm herunter aber lies er sie nicht. "Kannst das bisschen Getragenwerden nach dem schnellen Laufen schon vertragen." sagte er, "Bist wohl recht in Angst gewesen?", fügte er hinzu. Das Kind schlang nun zutraulich die Arme um seinen Hals und erwiderte: "Ja, erschreckt habe ich mich auch als Sie geblasen haben. Aber dann war ich froh, nachdem der wilde Hund von mir abließ." "Von woher ist er dir denn nachgelaufen?", fragte der alte Wächter. Hedwig berichtete: "Ich kam schon fast aus dem Wald heraus, da rannte ein Tier schnell auf mich zu. Ich fing an zu laufen, denn ich dachte, es wolle mich beißen; auch hatte ich Angst um des Schwesterleins Erdbeeren!" "'Hat dir nichts tun dürfen.", murmelte der Nachtwächter.

Nun waren die Beiden am Eingang des Dorfes angelangt und Wachthans ließ Hedwig vom Arm herunter. In vertrauliche Gespräche vertieft kamen sie endlich am Häuschen der Mutter Anna an. "So, nun bist du wieder daheim, Kind!", sagte der Alte. Er pochte an die verschlossene Haustür und rief hinein, als Frau Helling öffnete: "Mutter Anna, da haben Sie Euer braves Kind wieder. Ich bin ihm ein Stück des Weges entgegen gegangen. Jetzt schlaf gut aus, kleine Hedwig. Morgen komm ich wieder!" "Vergelt's euch Gott!", sprach Mutter Anna. Er eilte rasch fort. Mutter Anna aber zog ihr Kind in die Stube hinein, schloss es voll Freude in die Arme und rief aus: "Gott sei Dank, dass ich dich wieder habe. Dein Fortbleiben in der Nacht war doch recht lange!" "Erdbeere, hast du Erdbeeren?", tönte da die matte Stimme des Schwesterleins aus dem Bette heraus. "Hier sind sie, liebes Schwesterchen, fast ein Körbchen voll!", rief die glückliche Hedwig und hielt dem kranken Kinde das Körbchen hin. Die Mutter aber reichte ihm schnell eine Erdbeere nach der anderen, welche es mit wahrer Hast aß. "Mehr, noch mehr!", sagte das Kind immer wieder. "O, wie gut, wie gut!", rief es aus, als es das Körbchen bereits halb leer gegessen hatte. Zum ersten Mal zeigte sich wieder ein Lächeln auf seinem lieben Gesichtchen.

Die fürsorgliche Mutter brachte Hedwig nun zu Bett und sagte, sie möchte nur erst recht ausschlafen und ihr dann Morgen erzählen, wie es ihr auf ihrem nächtlichen Wege ergangen sei. Bald schlief die müde Tochter ein. Mutter Anna saß eine Weile noch an dem Bettchen der Kleinen, bis sie sah, dass diese in einen sanften Schlummer fiel. Dann legte auch sie sich, in ihren Kleidern, auf ihr Lager zur Ruhe nieder. Sie wollte nur ein wenig schlafen.

Als sie erwachte, war es schon heller, lichter Tag geworden. Hedwig schlief noch fest, aber die kleine Adelheit schlug eben die Augen auf und sagte: "Mutter, jetzt werd' ich wieder gesund! Gib mir doch noch Erdbeeren!" Die glückliche Mutter gab ihr das Körbchen mit den Erdbeeren. Als Hedwig erwachte, hatte das Schwesterchen schon alle Beeren aufgegessen. "Hedwig, Hedwig", rief die Kleine, "komm schnell zu mir!" Eilig sprang Hedwig aus dem Bett. Als sie an das Lager der kleinen Adelheit kam, schlug diese ihre Ärmchen um ihren Hals und sagte: "Du liebes, liebes Schwesterlein, hast mir Erdbeeren geholt und mich wieder gesund gemacht!" "Nein, das hat der liebe Gott getan", erwiderte Hedwig, "der liebe Gott hat mir den Wachthans geschickt, dass mich der wilde Hund nicht gefressen hat; sonst hätte ich dir die Erdbeeren nicht bringen können !"

Und nun erzählte Hedwig, wie es ihr im Walde ergangen war und wie der Wachthans eben noch zur rechten Zeit gekommen war. So verging der Morgen schnell. Da öffnete sich die Tür und der alte Nachtwächter trat ein: "Wir haben ihn, den bösen Gesellen", rief er freudig aus, "gleich heute früh sind wir mit zwanzig Mann hinaus in den Wald gegangen; Franz, der Waldhüter hat ihn totgeschossen!" "Den wilden Hund?", fragte Hedwig und schaute dankend zu dem Alten auf. "Nein, den Wolf!", antwortete dieser, "Wollte dir's gestern nicht mehr sagen, in was für einer Gefahr du gestern gewesen bist." "Wachthans, ist das wahr?", rief die Mutter, "So sei Gott tausendmal Lob und Dank, dass Er mir meine Hedwig bewahrt hat. Und wie soll ich euch danken?" "Nur keinen Dank, Mutter Anna. Der da droben lenkt eines jedem Herz, der lenkt, auch ein Kind, das für sein krankes Schwesterlein bei Nacht und Nebel in den Wald läuft – Er läßt nichts Böses geschehen. Ich hab noch eurem Kleinen was mitgebracht!", fuhr der Nachtwächter fort und holte eine Tüte voll schönster Erdbeeren hervor. "O, Wachthans, wie lieb seid ihr doch!", rief Hedwig hoch erfreut. "Ich dachte schon, ich würde heute wieder herausgehen müssen, um noch mehr zu holen." "Aber nicht noch einmal ohne mich!", befahl der Nachtwächter, "hörst du Hedwig? Dass ich nicht wieder ins Horn blasen muss!"

Mit herzlichem Händedruck verabschiedete sich der brave Wachthans von Mutter Anna und ihren Kindern. Als er fort war, dankte diese dem lieben Gott in einem innigen Gebet für Hedwigs wunderbare Bewahrung und dafür, dass es der kleinen Adelheit nun viel besser ging. Bald wurde sie wieder ganz gesund.

Es dauerte nicht lange und es wurde bekannt, dass Hedwig ihrer kranken Schwester zur Nachtzeit allein Erdbeeren im Walde geholt hatte. Seitdem hieß man sie im Dorfe nur noch die "Gute Schwester"!

Die gelben Rüben

Es war Sonnabend Mittag und die Schule war aus. Fröhlich und wohlauf gingen die Kinder heim. Man hörte kein wildes Geschrei und Lärmen, denn der Lehrer stand in seiner Haustür und sah ihnen nach. Die Kinder wollten den alten Mann nicht betrüben, weil sie ihn so lieb hatten.

Ernst und Gottlieb, die auf der Schulbank nebeneinander saßen, wohnten im Nachbardorfe und gingen nun miteinander aus der Dorfgasse hinaus ins Freie. Ernst pfiff lustig vor sich hin. Nach einer Weile sah er seinen Kameraden von der Seite an und fragte: "Warum bist du denn so schweigsam, Gottlieb? Der Schulmeister hat dich ja heute besonders gelobt, weil du die zehn Gebote so fließend hast hersagen können, wie wir anderen es nicht hätten besser machen können." "Ja, das freut mich wohl, aber mich hungert so sehr! Die Mutter liegt schon eine ganze Woche krank danieder und kann nichts verdienen. Heute früh gab´s keinen Bissen Brot mehr im Schrank und ich musste mit nüchternem Magen in die Schule gehen. Wenn ich heim komme, meinte die Mutter, hätte die Nachbarin vielleicht ein Krüglein Buttermilch gebracht. Aber sie ging mit einem Korb Eier in die Stadt und ist noch nicht wieder zurück gekommen." "Weißt du was, Gottlieb", schlug Ernst vor, "wir kommen gleich an dem Felde mit den Gelbrüben vorbei, welches dem reichen Schulzen gehört. Dort werden wir ein paar Hände voll Rüben ausrupfen; das wird den größten Hunger stillen. Ich habe auch immer Lust zum Essen." "Nein, Ernst", entgegnete Gottlieb, "das wäre ja gestohlen." "Meinst wohl, ich könnte die zehn Gebote auswendig hersagen, aber halten wollte ich sie nicht." "Der Herr Schulmeister hat heute wieder erklärt, dass jeder Apfel an einem fremden Baum und jede Ähre auf einem fremden Acker zu des Besitzers Geld oder Gut gehöre und wir sie nicht nehmen sollen. Nein, lieber will ich weiter hungern." "Weil du ein Narr bist, Gottlieb! Was wird es dem reichen Schulz schaden, wenn wir uns ein paar Rüben von seinem Acker holen? Er hat doch genug!" Gottlieb schüttelte den Kopf. Schweigend gingen die beiden Kinder ihres Weges. Jetzt sprang Ernst über den Graben, auf das Feld mit den gelben Rüben. Er zog ein paar davon heraus und zeigte sie dem Schulkameraden. "Willst du? Ich gebe sie dir, da hast du sie ja nicht gestohlen.", sagte er lachend und warf ihm die Rüben zu. Gottlieb hätte beinahe zugegriffen, denn der Hunger tat weh! Aber als er sich bückte, sah er hinter sich die Spitze des Kirchturms in der blauen Sommerluft, und es war ihm jetzt so, als strecke der alte Schulmeister seinen Finger warnend in die Höhe. Da ließ er die Rüben liegen und sagte: "Ich weiß, was ich mache. Ich laufe ins Dorf zurück und bitte den Schulzen, dass ich mir ein paar Rüben nehmen darf. Dann ist's keine Sünde." "Dabei wirst' schön ankommen", spottete Ernst, "und der Schulze ist ein Geizhals. Nimm dich in Acht, dass er nicht den Hofhund auf dich hetzt, wenn du ihn anbettelst." Aber Gottlieb ließ sich nicht irre machen. "Bitten ist nicht verboten, aber stehlen.", dachte er und ging ins Dorf zurück.

Sein Herz klopfte heftig, als er in des Schulzen Haus eintraf - aber er hatte ja nichts Unrechtes im Sinne. Die Tür zur Wohnstube stand weit offen; der Schulze war nicht darin. Ein Mann mit einer Brieftasche und einem roten Kragen am Rock stand vor der Schulzenfrau, die neben einer Speckseite und einem großen Stück Rauchfleischabschnitt, die sie vor sich auf dem Tische liegen hatte, stand. „Ihr habt mir da gute Botschaft gebracht, Briefträger.“, sagte sie, „In dem Brief, da steht's, dass mein Mütterchen wieder gesund geworden ist. Das freut mich über die Maßen. All die Tage war mein Herz so voll Kummer, dass ich nicht zu ihr hingehen und sie pflegen konnte. Aber der Schulze, meine ich, dürfe doch die große Wirtschaft nicht im Stich lassen. Ha, Gott sei Lob, dass wieder alles im rechten Gange ist. Sie aber sollen zum Dank für den guten Brief, den Sie mir gebracht haben, für eure Frau ein Stück Rauchfleisch mit heimnehmen.“ Der Postbote bedankte sich herzlich. Da sah die Bäuerin den Gottlieb in der Tür stehen. „Willst du auch ein Stückchen?“, fragte sie lachend, „jetzt habe ich das Messer noch in der Hand. Bist wohl ein Kind von armen Leuten und musst den Bissen Brot immer trocken essen, wie?“ Gottlieb wurde ganz rot vor Freude. „Ich wollte nur schön bitten, ob ich mir ein paar gelbe Rüben aus dem Felde holen dürfe“, stotterte er, „mich hungert schon seit heute früh, und meine Mutter ist krank, sonst müsste ich nicht Not leiden.“

„Armes Kind“, sagte die freundliche Frau, und sah ihn mitleidig an, „iss geschwind einen Bissen Fleisch und Brot, und ich packe dir was für deine Mutter ein; ´s ist Korias; das gerade des Fleischers Hund meiner fettesten Henne ins Bein gebissen hat! Die habe ich schlachten müssen. Nun kannst du sie der kranken Mutter mitnehmen; das gibt eine gute Suppe und hilft zur schnellen Genesung. ´Musst? den lieben Gott nur schön darum bitten, und hör', es ist richtig von dir, dass du wegen der Rüben erst fragen gekommen bist. Ich will's dem Schulzen sagen, wenn er heim kommt, den wird's freuen und er wird es wohl zulassen, dass du dir jede Woche ein Brot holen darfst, solange deine Mutter nichts verdienen kann.“ Gottlieb konnte vor Freude kaum reden. „Gott vergelt's! Gott vergelt's!“ mehr brachte er nicht heraus und er lief, so schnell er laufen konnte heimwärts. Draußen vor dem Dorfe stand Ernst und wartete neugierig auf den Schulkameraden. Dieser kam jetzt reich beladen an; in der einen Hand hielt er das gute fette Huhn, in der anderen ein voll gepacktes Tuch: ein Brot und ein Stück Speck. Er hielt seine Schätze in die Höhe und rief schon von weitem: „Guck einmal, was ich darbringe! Ich habe nicht darum gebettelt; die Schulzenfrau hat's mir freiwillig gegeben. O, die war gut! Es ist mir nur lieb, dass ich keine Rüben gestohlen habe; du tust das auch nicht wieder, Ernst?“

Gott hilft

Eine arme Witwe, die fünf Kinder hatte, besaß fast nichts um sich und die Übrigen zu ernähren; doch sie setzte ihr Vertrauen auf Gott und hatte die Gewissheit, dass das, was unser Gott geschaffen hat, er auch erhalten wird. Darüber wird er früh und spät mit seiner Gnade walten. Anstatt viel zu klagen, beteten sie und ihre Kinder und dankten für die schon erfahrene Hilfe. Bei alledem arbeitete sie fleißig und suchte, wo sie nur konnte, etwas zu verdienen. Ihre Kinder hielt sie fleißig zum Lernen und zur Gottes Furcht an. Wenn sie aus der Schule kamen, ging sie mit ihnen das Gelernte durch und gab ihnen nützliche Beschäftigungen.

Eines morgens aber sagte die gute Mutter: "Kinder, diesen Morgen kann ich euch nichts zu essen geben. Ich habe kein Brot, kein Mehl, nicht einmal ein Ei. Aber betet jetzt nur fleißig; der liebe Gott ist reich und mächtig und er hat gesagt: Ruft mich an in der Not, so will ich euch erhören." Der kleine Christian machte sich nüchtern und sehr betrübt auf den Weg in die Schule. Er kam an der Kirchentür vorbei – sie war offen. Er ging hinein; als er niemanden erblickte, betete er: "Lieber Heiland, gib uns doch etwas zu essen, unsere Mutter hat kein Brot, kein Mehl, nicht einmal ein Ei. Hilf du uns doch, du kannst es wohl, und du hast es ja versprochen, so halte nun dein Wort!" Hernach stand er auf und ging getrost in die Schule.

Als er heim kam, sah er ein großes Brot, eine Schüssel voll Mehl, und ein Körbchen mit Eier auf dem Tisch stehen. "Gott sei Dank!", rief das Kind, "Er hat mein Gebet erhört. Mutter, hat ein Engelein dies alles zum Fenster hereingebracht?" "Nein", sagte die Mutter, "aber Gott hat dein Gebet erhört. Während du in der Kirche betetest, war die Frau Amtmann in ihrem vergitterten Stuhl. Du konntest sie nicht sehen, aber sie hat dich gesehen, und durch dein Gebet unsere Not vernommen. Sie war der Engel, durch den der liebe Gott uns geholfen hat. Nun lasset ihm auch danken und dann essen - seid fröhlich. Behaltet nur stets das schöne Lied im Gedächtnis, das ihr ja gelernt habt: 'Wer nur den lieben Gott lässt walten'."

Du, Gott, siehst mich!

Der kleine Heinrich durfte jeden Tag mit dem Vater in den Garten gehen. In dem Garten standen viele schöne Bäume: Kirsch-, Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Nussbäume - das war so schön! Aber wie freute sich Heinrich, als er eines Tages eine schöne Birne an dem ganz kleinen Bäumchen sah! "O, Vater", rief Heinrich auf einmal, "siehe doch diese schöne dicke Birne. Ich möchte hinein beißen!" "Nein, mein Kind", sagte der Vater "wir wollen sie heute noch hängen lassen, sie wird über Nacht vollends reifen und dann wird sie gut schmecken."

Als es Abend war und die Mutter Heinrich ins Bett brachte, war er, als er sein Abendgebet sprach, gar nicht wie sonst. Die Mutter dachte, Heinrich wäre müde und rief gleich seine etwas größere Schwester Lina herbei und sagte: "Lina, du bist doch wohl auch müde; komm, lege dich auch zu Bette, dass ihr beide, Heinrich und du, gut ausschlafen könnt." Die Mutter sprach noch mit Lina, aber Heinrich horchte gar nicht auf das, was beide miteinander so eifrig ausmachten. Er dachte immerzu an die Birne. Lina war bald eingeschlafen, auch die Eltern waren endlich zu Bett gegangen. Nun war im Hause alles still, nur Heinrich war immer noch wach und dachte an die schöne Birne. "Ich möchte gerade hingehen und die Birne abpflücken", dachte Heinrich bei sich selbst. Aber dann dachte er wieder, was wohl der Vater sagen würde. Vielleicht wird er glauben, der Wind habe sie herunter geweht oder böse Buben haben sie in der Nacht geholt. Ganz gewiss wird Vater an mich nicht denken.

Wer hätte das gedacht: Heinrich stand ganz leise auf und lief auf Zehenspitzen hinaus in die Küche, sodass Lina nur ja nichts höre. Von hier aus führte eine Tür in den Garten. Heinrich horchte noch einmal - es war ganz still, nichts regte sich. Ganz, ganz leise machte er die Hintertür auf und trat in den Garten hinaus. Er lief zwischen den Bäumen her, und stand bald darauf vor dem kleinen Birnenbäumchen. Obwohl das Bäumchen klein war, konnte er die Birne nicht fassen, so sehr er sich auch streckte. "O, wie schade!", dachte Heinrich. Aber gleich darauf fiel ihm ein, dass an der Laube ein Fußbänkchen steht. Er holte es, stellte sich darauf, und griff mit der Hand die Birne; er musste sie nur vollends losmachen und die schöne, dicke Birne würde ihm gehören, ihm ganz allein. "Doch da, was glänzt dort so helle durch die Bäume?" wunderte sich Heinrich. Es war der Abendstern als Auge Gottes. "Du, Gott, siehst mich!" Diese Worte fielen Heinrich ein. Er ließ die Birne hängen, stieg von dem Fußbänkchen hinunter und lief, so schnell er konnte, ins Haus zurück; dort legte er sich zitternd wieder in sein Bettchen. Ja er weinte ganz bitterlich darüber, dass er den lieben Gott vergessen hatte, der doch alles sieht. Endlich war er eingeschlafen.

Als er erwachte, schien die Sonne ganz hell durch das Fenster. Heinrich rieb sich die Augen und sah sich im Zimmer um. Lina war nicht mehr da. Sie war schon aufgestanden. Aber was war denn das? Dort auf dem Tischchen lag ja ein Kranz und in der Mitte auf einem Tellerchen lag nun, wer errät es, die Birne. Ja, die Birne! Denkt nur, die schöne Birne. Im selben Moment kam die Mutter herein und rief schon an der Tür: "Guten Morgen, mein lieber Heinrich, du hast ja heute deinen Geburtstag. Heute vor fünf Jahren hat dir der liebe Gott das Leben geschenkt! Aber Heinrich, warum weinst du denn?" "O, Mutter, ich bin ein böser, böser Junge!" Und nun erzählte Heinrich was er in der Nacht getan hatte. Die Mutter betete mit Heinrich um ein neues Herz. Heinrich hat diesen Tag nicht vergessen und wenn er Böses tun wollte, dachte er jedes Mal an die Worte: "Du, Gott, siehst mich!"


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