Zurück zur Seite 1

Startseite

Begebenheiten

Folgende Begebenheiten sind von Handschriften oder alten christlichen Zeitschriften entnommen, neu überarbeitet und sollen hier zur Erlösung der Seelen und Erhaltung im Glaube dienen. Von den meisten Begebenheiten sind uns leider die Verfasser unbekannt, darum wollen wir gerne jeden Hinweis auf den Autor entgegen nehmen.

Inhalt der Seite 4:

Feurige Kohlen
Die Hand des Glaubens
Wer einmal lügt
Selig sind die Barmherzigen
Welchem viel gegeben ist...

Feurige Kohlen

In einem freundlichen Dörfchen, an einem See, wohnte Lorenz mit seinen Eltern. Eine Wiese am See, die der Familie gehörte, war ein Tummelplatz für die Kinder, die sich in ihren Freistunden hier am liebsten versammelten. Schon oft träumten sie: "Hätten wir nur ein Schiff, das auf dem See schwimmen könnte!" Und so manches Mal wurden kleine Kähne aus Baumrinde geschnitzt oder aus Papier zusammengefaltet; jubelnd saß dann die muntere Schar am Ufer und ließ ihre Fahrzeuge treiben bis das dünne Papier aufgeweicht war oder ein ungeschickter Stoß den Rindenkahn traf und weit vom Ufer abtrieb. Die Freude der Knaben war übergroß.

Eines Tages bekam Lorenz von seinem Onkel Detmold ein sehr schön ausgestattetes, kleines Segelboot geschenkt. Alle seine Freunde teilten mit lautem Jubel ihre Freude und Bewunderung mit. Nur einer der Knaben, Ernst, der Sohn eines armen Tagelöhners, blieb still. Er sah mit Neid auf das schöne Geschenk; seine Missgunst blieb Lorenz nicht verborgen.

Am Samstagnachmittag wollten sich alle Knaben wieder versammeln um das Boot seine erste Fahrt machen zu lassen. Mit Ungeduld wurde dem Tag entgegen geschaut. Lorenz erwachte früh. Besorgt blickte er zum Himmel auf ob nicht etwa Regen ihr Fest stören könnte. Aber, o Freude, die Sonne stand klar und freundlich da, und feuchter Tau im Grase verhieß einen schönen Tag. Lorenz beeilte sich heute mehr denn je, weil er noch vor dem Frühstück seinen Schatz im sicheren Hafen bewundern gehen wollte. Das kleine Herz pochte heftig, als er die ersten Spuren böswilliger Hand am Ufer von Ferne sah. Er eilte näher. Der Stein, den er vor die Bucht gelegt hatte, war weggewälzt - das schöne Boot war zerknischt. Einen Augenblick lang stand Lorenz wie versteinert da, dann brach er in Tränen des Schmerzes aus, bis er von Zorn überwältigt wurde: "Schändlich, der abscheuliche Bube!", rief er. "Das konnte kein anderer als er gewesen sein, und nur, weil ich ihn nicht eingeladen habe. Was hatte denn auch dieser neidische Junge hier zu suchen? Ich habe es ihm wohl angesehen, dass er mir mein schönes Boot nicht gönnt. Aber warte nur, ich will's dir heimzahlen!", schwor er sich ärgernd. "Das soll dir nicht geschenkt sein." Einen Augenblick dachte er nach, ging die Wiese entlang. Später versteckte er sich hinter einem Gebüsch an einem schmalen Fußpfad, der zu dem Dorfe führte. Hier spannte eine Schnur über den Pfad und hielt das eine Ende lose in der Hand. Da nahten sich die Schritte; das musste Ernst sein, der um diese Zeit immer Milch und Eier zum Markt trägt. "Jetzt bist du dran", dachte Lorenz und zog die Schnur straff an, damit Ernst darüber stolpern sollte.

Doch wie staunte er, als er nicht Ernst, sondern seinen Onkel Detmold erblickte, dem er es jetzt gerade am wenigsten wünschte. Schnell band er die Schnur los und wollte sie wieder einstecken. Aber Onkel Detmolds schneller Blick hatte ihn schon entdeckt: "Du hier, mein Junge?", fragte der Onkel freundlich. Lorenz erzählte ihm in einem sehr kläglichen Ton das Unglück mit seinem Boot. Sogleich blitzte sein Zorn wieder auf: "Lass nur, der soll's noch kriegen!" "Nein", sagte der Onkel, "was willst du ihm antun?" "Was ich tun will? Ernst trägt immer Milch und Eier zum Markt; da will ich eine Schnur über den Weg ziehen, sodass er stolpern wird und seine Eier zu Bruch gehen werden", erklärte er seinem Onkel. So ganz wohl war es ihm seinem Onkel gegenüber doch nicht zu Mute. Er erwartete eigentlich eine Lektion; daher war er nicht wenig erstaunt, als dieser sagte: "Ich finde auch dass Ernst bestraft werden muss. Die Idee mit der Schnur ist aber zu alt. Ich weiß etwas besseres!" "Und was?", fragte Lorenz neugierig. "Wäre es nicht besser feurige Kohlen auf dem Haupt des unartigen Knaben zu sammeln?" "Willst du ihn denn verbrennen?", fragte Lorenz fast erschrocken. Der Onkel nickte. "Ja", sagte Lorenz, "das ist das beste! Sein Haar ist so dick, dass ihm die Kohlen, die er ja abschütteln kann, nicht viel schaden können. Wie wird er springen! Aber Onkel, wie willst du das denn machen?"

Onkel Detmold reichte Lorenz die Hand und sagte mit gedämpfter Stimme: "Wenn deinem Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken; wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Sieh, eine solche Strafe schreibt Gott vor. Wäre nicht auch das die beste Strafe für Ernst?" Lorenz war verdutzt: "Das ist ja gar keine Strafe mehr Onkel?" "Versuche es nur, behandle Ernst gütig, und ich kann dir mit Gewissheit sagen, dass das auf ihn stärkeren Eindruck machen wird als eine Tracht Prügel. Die Güte wird ihn bessern während jene andere Strafe ihn gleichgültig lassen würde." Lorenz war kein verdorbener, böser Knabe; wenn aber sein eigenes "Ich" ihm nahe trat und ihn quälte, brach auch die Heftigkeit in seinen Gedanken und Taten hervor; er wollte sich immer gleich selbst Hilfe verschaffen. Kopfschüttelnd sah er den Onkel an und sagte: "Deine Kohlen brennen nicht?" "Doch, sie brennen", erwiderte er, "sie brennen nicht nur in das Haupt, sondern sie brennen auch durch bis ins Herz hinein und verzehren dort allen Neid, Zorn, Zank und manches Böse, was darin wohnt; sie machen das kalte Herz warm als wäre es im Feuer gewesen!" Lorenz seufzte tief. "Onkel Detmold", sagte er zaghaft, "zeige mir eine gute Kohle, die ich auf Ernsts Kopf legen kann!" "Du weist, Ernst ist arm, er liest gern Bücher, und kann sich doch kein Buch kaufen; du aber hast eine kleine hübsche Büchersammlung. Jetzt kannst du wohl die Kohle selbst finden, aber die Hauptsache ist: Zünde sie mit Liebe an!" Damit wandte sich der Onkel um und ging seines Weges.

Ehe sich Lorenz besinnen konnte, kam Ernst den Fußpfad daher, mit Eiern und Milch beladen. Lorenz dachte an seine Schnur; aber es war ihm nun lieber sie in seiner Tasche zu behalten. Ernst wunderte sich nicht wenig als er seinen Kameraden ganz verlegen dastehen sah. In seiner Verlegenheit fragte Lorenz: "Ernst, hast du manchmal Zeit ein Buch zu lesen?" "Wenn ich die Arbeit in der Küche verrichtet habe, dann bleibt mir hin und wieder eine Stunde Zeit übrig, in der ich dann lese; aber ich habe alle Bücher, die ich nur bekommen konnte, schon mehrmals durchgelesen", antwortete Ernst. "Willst du einmal den neuen Reisebericht haben, den mir mein Vater geschenkt hat?", bot Lorenz ihm an. Ernsts ganzes Gesicht lachte: "Willst du mir den leihen? O, das ist prächtig! Ich verspreche dir auch recht behutsam mit dem Buche umzugehen!" "Ja, das will ich dir leihen und auch noch andere Bücher, Ernst. Ich hätte dich auch gerne heute Nachmittag eingeladen, denn ich wollte mein neues Boot zum ersten Mal segeln lassen, aber jemand hat es mir zerbrochen. Weißt du, wer das gewesen sein könnte?" Ernst ließ den Kopf sinken, sah aber bald auf und sagte mit großer Anstrengung: "Lorenz, sei nicht böse, das war ich. Es tut mir jetzt im Herzen leid. Als du mir das Buch anbotest, wusstest du nicht wie schlecht ich war!" "Ich dachte es mir wohl, dass du es getan hast.", sagte Lorenz langsam. Da schoss dem Ernst das Blut in das Gesicht, dass sein Kopf ganz schwer wurde und er ihn sinken ließ. Es schien ihm, als könnte er diese Hitze gar nicht lange aushalten und er lief so schnell er konnte davon. "Die Kohle brennt", dachte Lorenz, "ich bin gewiss, Ernst hätte lieber die Eier zerbrochen gesehen, als das Buch angenommen."

Als am Nachmittag die Kinder zu dem Fest zusammen kamen, war Ernst schon am Platz und versuchte den Schaden, so gut es ging, zu beheben. Er hatte auch noch eine hübsche Flagge für den Hauptmann selbst gebastelt. Nachdem am Abend die Knaben sich froh und munter getroffen hatten und Lorenz nun allein bei seinem Boote stand, trat Onkel Detmold zu ihm: "Nun, Lorenz, wie ist's dir ergangen? Ich sah Ernst unter deinen Kameraden." "Onkel Detmold, ich danke dir.", sagte der Knabe und sah zu ihm auf. "Ich will an deine Kohlen denken – wann immer ich das rechte Feuer dazu habe!" "Das hohle dir vom Herrn Jesu.", sagte der Onkel und legte die Hand auf den Kopf des Knaben. "Sieh'", sagte er, als sie sich langsam dem Hause näherten, "Liebe zu empfangen, wo uns Strafe gebührt, das beugt das arme sündige, trotzige Herz am meisten und demütigt am tiefsten. Indem Gott uns seinen eingeborenen Sohn gab, dass Er für uns litt und am Kreuze starb, auf dass wir Frieden hätten. Er, der seinen eingeborenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle hingegeben hat; sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?"

Die Hand des Glaubens

Da stehen sie auf der Straße, Scharenweise. Man fragt, man schreit: "Was gibt's?" "Was soll der große Menschenkreis, Ist dort ein Betrunkener? Steht da ein Haus in Flammen?" fragten sich die Leute. "Nein, ein Kind ist überfahren worden und blutend krümmt es sich auf der Straße; auf dem Pflaster liegen die zerrissenen Kleider. Wer hebt es auf? Wo wohnt es? Wie heißt es?" Doch es scheint, als ob sich leise noch das Leben rege, und einer ruft: "Fasst an, wir tragen's Heim, der Knabe braucht sofort Pflege!" Dort unten in der Stadt, im Hintergässchen, wo der Jammer der Armut schreit, ist sein Heim: eine enge Kammer. Die Mutter war eine Witwe und kämpfte hart um ihr tägliches Brot mit Ehren zu erlangen. Es wollte aber nicht gelingen. So manche Nacht ging Willy hungrig zu Bett. Heute ist er abends noch hinaus zur Stadt geeilt um Zeitungsblätter zu verkaufen. Auf dem Weg überfährt ihn ein schwerer Wagen.

Man fragt: "Wohin mit ihm?" "Zum 'Kinder Hospital'" Willy bringt man zum Hospital. Dort stehen in langen Reihen Bett an Bett. Er wird mit sanfter Hand in weiße Kissen gebettet. Der bleiche Knabe fühlt sich wie im Traum. Sein Leben lang musste er der Armut hartes Brot essen.

Willy leidet entsetzliche Schmerzen. Die Ärzte treten ein. Sie untersuchen ihn lange disputierend. O, Gott, sie wollen ihm morgen beide Beine operieren. Wie soll er das ertragen? Nein, o nein! Das ist zu furchtbar, das erträgt er nimmer. Er spielt so gern; im Schnelllaufen war er immer der erste unter allen Knaben.

Die Nacht bricht an. Im Hospital ist es still, nur Willy's Angstgestöhn durchbricht das Schweigen. Da sieht er aus dem nächsten Bett ein Köpfchen lieblich zu sich hinunterbeugen und leise freundlich tönt es an sein Ohr: "Der Kleine muss so viel Schmerzen tragen. Willst du mir nicht deinen Namen sagen?" "Ich heiße Willy.", schluchzt das arme Kind. "Und ich heiße Liesi; bin schon lange hier." "O, Liesi, wie mir meine Wunden brennen, und morgen kommt der Doktor um mir beide Beine abzutrennen! Ist das nicht schrecklich, weißt du keinen Rat?" Das liebe Mädchen schaut mit nassen Augen, mit leiderfülltem Blicke zu ihm hin. "Der Heiland", sagt sie, "wird dich nicht verlassen." Doch, ach, vom Heiland wusste Willy nichts. Da fing Liesi an ihm vom lieben Heiland zu erzählen; wie vor vielen Jahren auf Bethlehems Gefilde, das Weihnachtslied der seligen Engelscharen gesungen wurde, vom Kindlein auf Marias Schoß und wie die Weisen ihre Gaben brachten und wie Herodes dann, der böse Fürst, dem Kindlein nach dem Leben trachten wollte. Willy lauscht; sein leises Antlitz glänzt. Von dem Knaben Jesu wusste sie zu erzählen, wie er den Eltern treu und folgsam war, und so gerne im Tempel verweilen wollte. "Er war so gut", sagte Liesi, "dass niemand auf der Welt zu finden ist, der so ist, wie er war. Als Jesus groß war, zog er weit umher, und half den Armen, Kranken, Lahmen und Blinden. Er heilte alle, und sie wurden ganz gesund; seine Wunderhand brauchte sie nur zu berühren." Was Willy am meisten gefällt ist, dass man die Kinder zu Jesus führte. Er nahm sie auf den Arm und auf die Knie, küsste sie und legte seine Hände zum Segen auf ihr Haupt und betete, dass sie gut und fromm bleiben mögen bis ans Ende.

"Zuletzt", hier fängt Liesi an zu weinen, "schlugen ihn die bösen Menschen an ein Kreuz, sie haben ihm mit Nägeln Hände und Füße durchbohrt, das war der Dank für seine Himmelsgaben." Nun weint Willy: "O, wo er stets so gut und so hilfreich gewesen ist - nun ist er tot. Ich habe gehofft noch durch seine Kraft geheilt werden zu können." Das arme Kind zittert in Fieberkrämpfen und drückt sein Gesicht weinend in die Kissen; die letzte Hoffnung scheint hinweg gerissen. Die kleine Trösterin erschrickt im nächsten Bette und trocknet sich schnell die heißen Tränen ab. "Nein", rief Liesi, "Er ist nicht tot. Er lebt! Und welches Herz ihn betend sucht, das spürt auch sein segensreiches Wirken. Er kennt uns alle und man darf ihm jedes Leid und jede Sorge klagen. Ich habe es oft getan und jedes Mal gab er mir neue Kraft und half mir alles tragen. Wenn du betest, Willy, oh, wird er dich in deiner Not gewiss nicht verlassen. Du musst im Glauben seine Hand fassen."

O, tröstliches Bild, wie dort in stiller Nacht, ein Kind bewegt durch Gottes Geist, dass es dem kranken Kinde neben ihm die schönsten Samariterdienste leistet. Und wieder fällt ein schwacher Hoffnungsstrahl in Willy's Seele. "Liesi", fragt er leise, "denkst du, er kommt in unser Hospital und weiß, wo ich bin und wie ich heiße?" "Gewiss", ruft Liesi, "Willy, glaube es doch, vor ihm ist keine Not verborgen; zum Helfen ist er immer gern bereit, bei Tag und Nacht, am Abend wie am Morgen." Dem kleinen Zweifler will's nicht in den Sinn fallen, dass Jesus jeden mit seinen Nöten kennt. Ihn quält die Angst, er könne an ihm vorbei gehen. "Er sieht und hört mich nicht trotz meinem Beten" - und Willy denkt nach, was er tun solle, damit ihn Jesus in seinem Leid sieht? Wird Jesus kommen ehe "der Morgen graut" und ehe der Doktor kommt um ihn zu operieren? Ich weiß es", flüstert er zuletzt, "ich will die Hand aufheben; sieht er dieses Zeichen, so merkt er wohl, das seiner ich bedarf, und wird mir die ersehnte Hilfe leisten."

Der Tag bricht an, die Morgensonne wirft ihre goldenen Strahlen nieder auf Willy's Bett. Dort liegt er so freundlich still; kein Schmerz wird mehr durch die armen Glieder gehen. Er hat ihn ausgekämpft, den letzten Kampf; er schläft den Schlaf, aus dem kein Leiden mehr erwacht. Die kleine weiße Hand hält er im Tode noch empor gestreckt; der Herr hat sie gesehen, die kleine Hand, das Notsignal, das ihm das Kind gesandt hat. Er kam und erlöste Willy von seinem Erdenleid und hat ihn zur ewigen Himmelslust befreit.

Auch du, mein Erdenpilger, sieh nach oben. Kennst du die Hand, die nie umsonst aus Erdenstaub und Erdennot zum Himmel emporgehoben wird? Es ist die Hand des kindlichen Glaubens.

Wer einmal lügt

"Onkel Theo! Onkel Theo! Komm schnell! Gusti ist auf dem Teich Schlittschuh gelaufen und eingebrochen!", schrie Jost, die Tür zum Kuhstall aufreißend.

"Was sagst du da?" Erschrocken sprang der Onkel vom Melkschemel auf. Er stieß dabei gegen den Eimer, so dass etwas Milch herausschwappte und sich auf dem roten Steinboden eine weiße Lache bildete.

"Ha-ha-ha! Reingefallen! Reingefallen!", jubelte Jost, von einem Bein auf das andere hüpfend.

In diesem Moment erschien auch Gustis blonder Schopf in der offenen Stalltür. "Du hast es doch gewiss nicht im Ernst geglaubt, Onkel?", fragte er lachend. Dem Onkel stieg eine dunkle Röte in die Stirn. Seine Augen loderten. "Natürlich, habe ich es geglaubt!" "Ha-ha-ha! Aber Onkel es war doch nur ein Scherz." "Ein Scherz, sagst du? Nein, mein Junge, das war kein Scherz mehr, sondern gelogen. Das hätte ich von euch, die ihr doch dem Herrn Jesus nachfolgt, nicht gedacht." Onkel Theo drehte sich um und ließ sich schwerfällig auf den Melkschemel fallen. Jost und Gusti machten betretene Gesichter. "Ich dachte immer, du verstehst Spaß." antwortete Jost beleidigt. "Komm, Gusti, gehen wir wieder." "Wohin denn?", fragte Gusti mürrisch, den Kragen seiner dicken Jacke hochschlagend. "Wir können doch noch ein bisschen Schlittschuh laufen." "Mir ist die Lust vergangen.", knurrte Gusti. "Mir nicht!" Jost schob trotzig seine Unterlippe vor. "Ich lass mir doch von Onkel Theo nicht den Nachmittag verderben. Der hat als Junge wohl nie irgendwelche Dummheiten gemacht?" "Du weißt doch, wie er ist.", versuchte Gusti einzulenken. "Er meint eben, als Christ müsse man den ganzen Tag betend zu Hause sitzen und die Bibel lesen."

"So ein Quatsch!" Jost kniete sich in den weichen Schnee und schnallte sich die Schlittschuhe an. "Naja, ganz richtig war es ja auch nicht von uns, ihn so reinzulegen.", gestand Gusti ein. "Ach komm, mach nicht so ein Sauergurkengesicht. Es war ja nur ein Scherz." "In den zehn Geboten steht aber doch: Du sollst nicht lügen." "Mensch, Gusti, was ist denn auf einmal mit dir los?" Jost richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf. "Zuerst warst du mit allem einverstanden und jetzt spielst du dich als Moralprediger auf. Was können wir denn dafür, dass Onkel Theo so übertrieben fromm ist? Los, schnall' deine Schlittschuhe an! Ich fahre los."

Gusti sah seinem Bruder nach, wie er leichtfüßig über das Eis glitt. Gusti kräuselte die Stirn. Der eine Satz des Onkels kam ihm nicht aus dem Sinn: "Das hätte ich von euch, die ihr doch dem Herrn Jesus nachfolgt, nicht gedacht." War es denn wirklich so schlimm gewesen? Sie hatten sich doch bloß einen Spaß erlauben wollen. Dass Onkel Theo so sauer reagieren würde, hatten sie nicht voraussehen können. Gusti seufzte tief: "Vielleicht hatte Onkel Theo mit seiner Behauptung, dass sich solche Scherze für ein Gotteskind nicht gehören, doch recht." "Hey, steh' nicht da wie ein Ölgötze, komm aufs Eis!", schallte wieder Josts Stimme über den Teich. Gusti zuckte leicht zusammen. Er war so in Gedanken versunken, dass er Jost's Gegenwart völlig vergessen hatte. "In der Mitte ist es noch nicht ganz so dick", warnte Jost, als Gusti angefahren kam. "Wir können ja am Rand bleiben." Gusti stieß sich mit dem linken Fuß ab und drehte auf dem glatten Spiegel des Teiches ein paar Kreise. "Hallo! Hallo!" Gusti blieb stehen. "Wer war das?" "Henner, schau, da kommt er." Jost wies zum anderen Ufer, wo die hoch aufgeschossene Gestalt des Nachbarjungen hinter den kahlen Büschen auftauchte. Henner winkte mit beiden Armen: "Hält es?", rief er. "Ja, am Ufer geht es!", erwiderte Gusti. Henner hatte die Schlittschuhe angeschnallt und kam mit weit ausholenden Schritten angesaust. "Habt ihr es ausprobiert?" Er hauchte in seine blau gefrorenen Hände. "Was?", fragte Jost erstaunt. "Na, ob es in der Mitte hält?" "Nein. Das sieht man doch" "Pah!" Henner sah Jost verächtlich an. "So was probiert man aus." "Dann mach es doch", entgegnete Jost mürrisch. "Kommst du mit?", lauerte Henner. "Nee, mein Lieber, ich kann auf ein kaltes Bad verzichten." "Feigling!", zischte Henner. "Ich bin kein Feigling!" Jost's Augen begannen gefährlich zu funkeln. "Das nimmst du zurück!" "Ich denke gar nicht daran, du - Muttersöhnchen." Lachend stieß sich Henner mit dem Fuß ab und fuhr davon. Jost ballte die Hände zu Fäusten. "Das nimmt er zurück." Er knirschte mit den Zähnen. "Lass ihn doch, den alten Angeber." Gusti legte beschwichtigend die Hand auf den Arm seines Bruders . "Du weißt doch, dass er immer stänkern muss, wenn wir zusammen sind." "Komm doch, Mamakind!", erschallte Henners Stimme über den Teich. "Du, Feigling! Du lahme Ente! Du Betschwester!" "Jetzt reicht's mir!" Jost sauste los, das Eis sprang unter seinen Füßen, der eisige Wind schnitt in sein Gesicht. Er merkte in seiner Wut nicht, wie Henner ihn in heimtückischer Weise immer mehr in die Mitte des Teiches lockte. Gusti, der noch am Ufer stand, merkte auf einmal Henners Absicht.

Kaltes Entsetzen packte ihn. Er legte beide Hände trichterförmig vor den Mund und schrie aus Leibeskräften: "Jost! Jost! Komm zurück!" Doch Jost hörte ihn nicht. Er sah nur die biegsame Gestalt Henners vor sich, die er um jeden Preis einholen wollte. Henner hatte fast die Mitte des Teiches erreicht, als er plötzlich einen Hacken schlug. Das Eis krachte gefährlich unter seinen Füßen, doch er erreichte noch das rettende Ufer. Keuchend drehte er sich um. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Er wollte schreien, doch es wurde nur heiseres Flüstern: "Jost, nein, das habe ich nicht gewollt!" Ein gellender Schrei hallte über den Teich, als die dünne Eisdecke unter Jost einbrach. Er taumelte, seine Hände suchten vergebens nach einem Halt - dann versank er in dem dunklen, kalten Wasser. Jetzt kamen Kerben in Henners vor Schreck entstellte Gesicht. Auf dem Bauch liegend, schlich er sich vorsichtig an die Unglückstelle heran. Er bekam Jost am Armen zu fassen und versuchte ihn auf das Eis zu ziehen. "Schnell, hole deinen Onkel, Gusti!", stieß Henner keuchend hervor. "Allein... allein schaffe ich es nicht!" Gusti lief los. Völlig außer Atem erreichte er den Hof. Das große Scheunentor stand offen. Gusti rannte hinein. Im Dämmerlicht sah er den Onkel dastehen. "Komm schnell, Onkel Theo! Jost ist im Eis eingebrochen!" Langsam drehte der Onkel sich um. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er Gusti an: "Noch einmal legt ihr mich nicht rein." "Aber Onkel!", schrie Gusti laut auf, "Jost ertrinkt doch!" Der Onkel lachte kurz und trocken auf: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, mein Junge." Er wandte sich zum Gehen. "Ich habe nicht gelogen!" Gusti umklammerte den Arm des Onkels. "Schnell, komm, Henner schafft es doch nicht allein." "Lass mich in Ruhe!", fuhr der Onkel ihn barsch an und versuchte seinen Arm aus Gustis Umklammerung zu befreien.

"Lieber Heiland, dann hilf du!" Schluchzend sank Gusti auf ein Bündel Stroh. Onkel Theo blieb stehen: "Ist er wirklich eingebrochen?" Seine Stimme klang rau von innerer Erregung. "Ja, ja!" Mit hastigen Bewegungen riss der Onkel eine Leiter von der Wand, rief den Knecht und verließ dann im Laufschritt den Hof.

Jost richtete sich im Bett auf. "Onkel Theo, kannst du mir verzeihen?" Bittend streckte er dem Mann am Fenster die Hände entgegen. Der Onkel drehte sich um und trat an das Bett seines Neffen. Unbeholfen strich er ihm über das Haar. "Ein Scherz kann oft böse Folgen haben, mein Junge", sagte er mit belegter Stimme, "du hättest es beinahe mit dem Leben bezahlen müssen." "Ich war ja selber schuld", entgegnete Jost zerknirscht, "das war eben die Strafe. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht auch wenn er dann die Wahrheit spricht. Ich werde es nie wieder tun, Onkel Theo!", beteuerte Jost, "nie wieder."

Der Onkel sah Jost ernst an. "Du kannst Gott danken, dass es so gut ausgegangen ist und du nur eine tüchtige Erkältung davongetragen hast." "Das habe ich schon getan, Onkel Theo", erwiderte Jost lebhaft, "ich habe ihm mein Herz ganz neu übergeben." "Das freut mich aber sehr, Jost." Der Onkel nahm Josts Hand in seine rauen Arbeitshände. Da wurde die Tür aufgerissen und Gustis blonder Schopf erschien. "Jost, du bekommst Besuch!" "Von wem denn?" "Henner!" "Lass ihn rein kommen!" Als kurz darauf Henner schüchtern das Krankenzimmer betrat, verließen der Onkel und Gusti den Raum. "Jost, es tut mir leid.", stotterte Henner. Sein Gesicht war schneeweiß, die Augen standen voll Tränen. "Es ... es war gemein von mir dich in die Mitte zu locken." Er zerrte ein nicht mehr ganz einwandfreies Taschentuch aus seiner Hose und putzte sich energisch die Nase. "'Ist gut, Henner!" Jost streckte ihm die Hand hin. "Komm, lass uns Freunde sein!" "Willst du das wirklich?" "Ja, es ist mein voller Ernst." "Du, Jost?" Henner setzte sich scheu auf die Bettkante. "Ja, bitte?" "Als ich dich im Wasser festhielt und das Eis unter mir zu knirschen begann, da... da habe ich gebetet und gesagt, wenn wir beide hier lebend herauskommen, dann wollte ich, ... - dann ... dann ..." Henner schluchzte plötzlich auf. "Willst du ihm auch dein Herz schenken?", fragte Jost mit vor Bewegung zitternder Stimme. "Ja. Meinst du, dass er mich annimmt?" "Na klar, Henner! Mich hat er ja auch angenommen. Komm, wir sagen es ihm jetzt gleich hier." Henner kniete neben Josts Bett nieder und übergab sein Herz und Leben dem, der auch für seine Sünden gestorben ist.

"Nun hat sich doch alles zum Guten gewendet", sagte Onkel Theo am Abend, als Jost ihm erzählte, dass nun auch Henner ein Gotteskind geworden ist.

Selig sind die Barmherzigen

Eine wohlhabende Frau ging nachmittags über den Markt. An einem Stand sah sie so schöne Apfelsinen liegen, dass Sie Lust bekam, sich eine zu kaufen. Als die Frau ihr Portemonnaie herauszog, bemerkte sie, dass nur noch ein Groschen drin war. Schon nahm sie ihn in die Hand, doch sie dachte: "Nein, du hast dein Gutes heute Mittag schon gehabt; es wäre doch nur eine Leckerei; du kannst den Groschen für etwas viel besseres anwenden." Sogleich kam sie an einer Gasse vorbei, in der eine arme Witwe wohnte, die sich und ihre fünf Kinder notdürftig durch die Arbeit ihrer Hände ernährte. Es trieb die wohlhabende Frau, einmal nach der Witwe zu schauen. Als sie das Stübchen der Witwe betrat, bemerkte sie, dass jene geweint hatte; auf ihre teilnehmende Frage hin erzählte sie, dass sie heute früh den letzten Pfennig für Brot ausgegeben habe, und sie erst morgen mit ihrer Näharbeit fertig werden würde; erst dann bekäme sie wieder Geld. Dass der Briefträger in ihrer Abwesenheit da gewesen sei, und ihr die Nachricht hinterlassen habe, dass ein nicht genügend frankierter Brief für sie im Postamt bereit läge; sie solle nur jemand mit einem Groschen vorbei schicken, um den Brief einzulösen. Es sei ein Brief aus P., ihrem Heimatort. Beinahe schluchzend fügte die Witwe hinzu: "Sicherlich ist der Brief von meinem alten Vater, der mir seit zwölf Jahren nicht geschrieben hat; er hat mich verstoßen, weil ich mich gegen seinen Willen verheiratet habe; und nun kann ich den Brief, der vielleicht Wichtiges enthält, nicht einmal einlösen!" Sofort wurde der älteste Sohn der Witwe mit dem gesparten Groschen der wohlhabenden Frau zur Post geschickt.

Der Brief war von der Tante der Witwe und enthielt die Nachricht, dass der Vater schwer krank sei und dringend nach der Tochter verlange, um sich mit ihr zu versöhnen. Sie solle so schnell wie möglich kommen, da der Vater wohl nur noch ein paar Stunden zu leben habe.

Mit Hilfe jener Wohltäterin, die während der Zeit für die Kinder zu sorgen versprach, konnte die Witwe sofort abreisen.

Mitten in der Nacht kam sie in der Heimat an. Leise betrat sie das Zimmer des todkranken Vaters und sank an seinem Bett auf die Knie; er erkannte die Tochter sogleich, die ihm einst so bitteren Kummer bereitet hatte; jetzt war alles vergessen; er verzieh der reumütigen Tochter und erteilte ihr seinen Segen. In ihren Armen schlummerte er nach wenigen Stunden friedlich ins Jenseits hinüber. Zuvor hatte er noch soviel Kraft besessen, sein Testament zu ändern um die verstoßene Tochter wieder in ihr Erbteil einzusetzen.

Die Witwe, die mit einem Schlage der elenden Armut enthoben wurde, bezog mit ihren Kindern das väterliche Haus und ist nun selbst eine Wohltäterin der Armen geworden. Zum Andenken daran, dass ihr in so ernster Stunde und gerade zur richtigen Zeit durch einen Groschen geholfen wurde, stellte sie auf dem Kaminsims ein Kristallgefäß und legte einen Groschen darein.

Jene hilfreiche Frau aber war glücklich, dass sie auf die Apfelsine verzichtet und den Groschen für etwas Besseres verwendet hatte.

Welchem viel gegeben ist...

Ein Amerikaner saß an der Tafel seines deutschen Geschäftsfreundes. Auch andere Gäste waren zu Tische; unter ihnen auch ein Gymnasiast, der zweimal wöchentlich einen Freitisch bei dem wohlhabenden Hausherrn hatte. Er war sehr traurig und sagte zu seinem Tischnachbar halblaut: "Ich habe heute so viel Elend gesehen, dass mir der Appetit vergangen ist." Der Amerikaner forderte ihn auf zu berichten. Er erzählte nun eine traurige Geschichte:

In demselben Hinterhause wo er wohnte, lebte ein Ehepaar mit fünf Kindern. Die Leute hatten sich gut und ehrlich durchgeschlagen, bis sich der Mann, ein Schieferdecker, durch einen Sturz vom Dache beide Beine gebrochen hatte; dadurch ist er erwerbsunfähig geworden. Zuerst hatte die Frau mutig den schweren Schlag ertragen und tapfer weiter gearbeitet; doch jetzt liegt sie mit Fieber elend danieder; großer Jammer ist bei der einst so glücklichen Familie eingekehrt; die Kinder schreien nach Brot und die hilflosen Eltern können nichts tun, als mit ihnen zu hungern.

Schweigend hörte die Gesellschaft dem Erzähler zu. Als er zu Ende erzählt hatte, sprach einer nach dem andren seine Anteilnahme aus. "Ach wie traurig!" "Wie bedauernswert sind doch die armen Leute!" "Ach wie viel Unglück gibt es doch auf der Welt!" Nachdem man so gewissermaßen seine Schuldigkeit getan hatte, sprach man wieder von anderen Dingen. Da stand der Amerikaner auf und schlug an sein Glas: "Ich bedaure die arme Familie mit 100 Mark", sagte er, und legte 100 Mark auf den Teller. "Mit wieviel bedauern Sie die Leute?", wandte er sich an seinen Wirt. Dieser legte schweigend eben so viel vor sich hin, und dann fragte er weiter um den Tisch herum, und siehe, jeder Gast "bedauerte" jetzt die armen Unglücklichen nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Tat. Nach wenigen Augenblicken überreichte der Amerikaner seinem jungen Freund eine große Summe für die arme Schieferdeckerfamilie.


Zurück    Seitenanfang